BLAUER HIBISKUS von CHIMAMANDA NGOZI ADICHIE

erschienen auf deutsch 2005, im Fischerverlag, München

übersetzt aus dem Original von Judith Schwab

„Purple Hibiscus“, so der Originaltitel auf Englisch, ist 2003 in London erschienen.

Die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie

Die aus Nigeria stammende Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat 2003 mit ihren Erstlingswerk, den Roman „Purple Hibiscus“ ihren Einzug in die literarische Welt gemacht.

Ihr Roman wurde zu einem internationalen Erfolg und wurde für viele literarische Preise nominiert.

Du kennst vielleicht Frau Adichie als TEDx Sprecherin, wo sie 2012 ihre berühmte Rede „We Should All Be Feminist“ hielt.

Mit dieser Rede hat sie den modernen Feminismus wieder an die vorderste Front im Kampf für Gleichheit zwischen den Geschlechtern gebracht und wurde damit zum Star, die andere Stars inspiriert hat. Beyoncé übernimmt einige Textzeilen in ihrem Song „Flawless“ und die Modefirma Dior lässt die Mannequins mit einem übergroßen T-Shirt mit dem Titel als Spruch über den Laufsteg gehen.

2014 erscheint ihr Buch mit dem selben Titel, auf deutsch etwas später unter dem Titel „Mehr Feminismus! Ein Manifest“.

Inzwischen hat Chimamanda Ngozi Adichie ihren Erfolg als Autorin mit weiteren Romanen fortgesetzt und dafür mehrere Preise erhalten.

Sie ist 1977 in Enugu, einer Stadt im Südosten Nigerias geboren, und wächst die meiste Zeit ihrer Jugend in der Universitätsstadt Nsukka auf, wo ihr Vater Mathematikprofessor war und ihre Mutter Universitätsangestellte.

Ihre Muttersprache ist Igbo, ihre Bücher schreibt sie auf Englisch. Es kommen auch immer wieder Igbo Wörter in ihrem Romanen vor.

Als Kind schon hat sie die Liebe zum Schreiben entdeckt. Später ist mit einem Stipendium in die USA gegangen, um Kommunikations- und Politikwissenschaften zu studieren.

Sie lebt mit ihrer Familie sowohl in den USA als auch in Nigeria, wo sie Kreatives Schreiben, das sie selbst in den USA absolviert hat, lehrt. Sie ist eine sozial und politisch denkende, engagierte Frau, die eine Non-Profit Organisation in Nigeria gegründet hat, mit dem Ziel Mädchen und Frauen Lesen und Schreiben beizubringen.

Die Universitätsstadt Nsukka und die Sehnsucht nach den USA wirst du im Roman wiederfinden.

Blauer Hibiskus – nur ein Entwicklungsroman?

purple hibiscus coverDie Autorin erzählt in Blauer Hibiskus die Entwicklung der 15-jährigen Kambili, von einem ihrem Vater völlig abhängigen schüchternen willfährigen Mädchen zu einer selbstbewußten, selbständigen jungen Frau, die ihr Leben in die eigene Hände genommen hat und zum Familienoberhaupt wird.

Und es ist nicht nur ein Entwicklungsroman.

Es ist auch ein Roman, der auf die politischen Verhältnisse, in denen sich die Familie von Kambili bewegt, Bezug nimmt.

Chimamanda Ngozi Adichie hat die Geschichte in das Nigeria der 90-er Jahre versetzt, genau in dem Jahr, als der Diktator Sani Abache mit einem Militärputsch an die Macht kommt und daraufhin das Land mit Ermordungen, Erschiessungen, Entführungen und Folter terrorisiert.

Das Leben der Familie ist durch und durch von Gewalt geprägt.

Aussen und innen.

Chimamanda Ngozi Adichie verwebt die Verhältnisse innenhalb der Familie mit denen ausserhalb der Mauern, in denen die reiche Familie von Kambili wohnt.

Die Personen der unmittelbaren Familie

Kambili – die Ich-Erzählerin und Hauptperson des Romans

Jaja – ihr um 2 Jahre älterer Bruder, mit dem sie hauptsächlich über Augenkontakt kommuniziert

Die Mutter – eine gehorsame, hörige und unscheinbare Frau, die sich von ihrem Mann alles gefallen lässt und scheinbar nur eine einzige Freude hat: ihre Keramikfiguren auf der Etagere

Der Vater – eine nach aussen hin eine respektable, geachtete, hochgeschätzte Person, Unternehmer, Demokrat, Herausgeber und Financier einer Zeitung, die sich der Wahrheit in Zeiten des Putsches verschrieben hat, ein großzügiger Spender für seine Kirche und die Armen.

Nach innen hin selbst ein Diktator, der seine Frau schlägt, seinen Kinder ihren Tagesablauf und jede Bewegung ausserhalb des Hause vorschreibt und nicht davor zurückschreckt, sie selbst spitalsreifen Folterungen zu unterziehen, wie es für Kambii der Fall sein wird.

Für Kambili ist der Vater Gott. Sie hängt an seinen Lippen und wartet auf jeden kleine Geste, die so etwas wie Zuneigung darstellen könnte.

Personen der erweiterten Familie

Wir erfahren, dass im dem reichen Haushalt 2 Hausangestellte für das Wohl der Familie sorgen, Sisi, die innerhalb des Haushalt arbeitet und Kevin, der Chauffeur vom Vater, der auch für die privaten Reisen der Kinder zuständig ist, wenn er sie zB zum Großvater Papa-Nnukwu bringt.

Papa-Nnukwu wird vom Sohn verleugnet, weil er nicht zum Katholizismus konvertieren will, sondern dem alten „heidnischen“ Glauben anhängt.

Er ist ein ständiger Stachel für seinen Sohn und er bemüht sich eifrig, ihn seinen Kindern zu entfremden.

Und dann erscheint Tante Ifeoma mit ihren 3 Kindern, dem Cousin Obiora, der Cousine Amakam, ein kleiner Bub, Chima, vervollständigt die Familie. Der Vater der Kinder, der von Ifoema sehr geliebte Mann ist gestorben und die Familie lebt mehr schlecht als recht am Campus der Universität von Nsukka, wo Ifeoma Dozentin ist.

Sie ist die komplette Gegenspielerin zu ihrem Bruder.

Tante Ifeoma lebt als unabhängige Witwe und will sich partout nicht mehr neu verheiraten, wie ihr geraten wird. Sie lacht gerne, hat eine kräftige Stimme und nimmt die harten Bedingungen, unter denen sie im Campus zu leben hat, mit Humor.

Nach und nach wird sie für die Entwicklung der beiden Geschwister, Kambili und Jaja immer wichtiger. Sie wird zum Tor zu einer Welt, in der die beiden jungen Menschen ganz andere Verhältnisse und Verhaltensweisen kennenlernen.

So wird ein Raum aufgemacht, in dem Kambili ihre Schüchternheit, ihre Stille, ihr Schweigen ablegen wird.

Pater Amadi

Dabei wird ihr besonders ein Mensch helfen. Ein Mensch, wahrscheinlich sogar der erste und einzige Mensch, der an sie glaubt, sie intelligent und hübsch findet, ihr Potential erkennt und sie fördert.

Er ist Priester. Nicht ein autoritärer, unnachgiebiger, strenger Priester, wie Pater Bendedict, der Engländer aus der Kirche ihres Vaters, dessen Hautfarbe sich seit seiner Ankunft vor Jahren nie von dem einer Kondensmilch verändert hat, wie Kambili treffend bemerkt, der den Gläubigen verbietet auf Igbo zu beten, zu singen und sie klatschen dürfen sie während des Gottesdienstes auch nicht.

Blauer Hibiskus - CoverNein, dieser Priester, Pater Amadi ist ein jungenhafter Mann, er ist einer von ihnen, den Gläubigen. Als Kambili ihm zum ersten Mal im Haus ihrer Tante Ifeoma trifft, trägt er ein aufgeknöpftes T-Shirt und ausgewaschene Jeans. Er spricht Englisch mit Igbo gemischt und ist ein häufiger Gast bei ihrer Tante, wo er sich zuhause fühlt. Die Kinder behandelt er wie Gleichwertige und diskutiert mit ihnen über alles Mögliche wie mit Erwachsenen.

Vom ersten Augenblick an nimmt er auch Kambili und Jaja ernst.

So entwickelt sich eine starke Beziehung zwischen Pater Amadi und Kambili. Und wenn es auch klar ist, dass sie sich in ihn verliebt, lässt uns Chimamanda Ngozi Adichie im Unklaren, ob nicht nur Kambili sich in ihn verliebt, sondern er auch in sie.

Alles geht in die Brüche

Chimamanda Ngozi Adichie bereitet uns mit den vier Titeln ihres Romans sehr gut auf das, was kommen wird, vor.

Kapitel eins:

„Wenn Götter vom Himmel fallen PALMSONNTAG“ – eine Übersetzung des englischen Titels „Breaking Gods“, das im Titel den dramatischen Anfang des Buches, den Bruch: „Bei uns zuhause begann alles in die Brüche zu gehen“, ankündigt.

Kapitel zwei, das längste Kapitel

„Als unsere Seele miteinander sprachen VOR PALMSONNTAG“

Speaking With our Spirits Before Palm Sunday

In diesen ersten zwei Kapiteln erzählt Kambili rückwirkend die Entwicklung, die  zum gesamten Zusammenbruch ihrer Welt führt.

Ab dem Zeitpunkt des großen Bruches, den ersten Zeilen des Buches, schildert Kambili in der Ich-Form sehr genau und distanziert die restriktiven Bedingungen, unter denen die Familienmitglieder leben. Alles wird bestimmt durch den religiösen Wahn des Vaters, die Messebesuche, die Tischgebete und Danksagungen vor und nach dem Essen, die Rosenkranzgebete, die Psalmen, die auch in Abwesenheit des Vaters während der Autofahrt gesungen werden, …

Sie selbst, obwohl m Alltag zuhause und in der Schule fast verstummt, ist eine hervorragende Beobachterin von den Ereignissen, die sie umgibt. Aber in einem gewaltsamen Haus sind Stille und Gehorsam die Regel und die besten Überlebensstrategien, an denen sich alle halten, Mutter und Bruder. Kambili hat offensichtlich nie gelernt und nie gewagt sich offen auszudrücken. Das wird sie nach und nach lernen, denn einen scharfen Geist hat sie.

Kapitel drei:

„Götter in Trümmern NACH PALMSONNTAG“

Pieces of God After Palm Sunday

Ab hier gibt es keinen Gott und keine Götter mehr für Kambili.

Kapitel vier

Eine andere Stille DIE GEGENWART

Diese andere Stille ist keine bedrückende mehr. Es ist eine Stille, die ihr die Gelegenheit gibt sich auszudrücken, zu ihren Gefühlen zu stehen, sich nicht rechtfertigen zu müssen, sondern sich als eigener Mensch mit ihren eigenen Werten zu empfinden und diese zu leben.

Sie hat sich emanzipiert. Freigelassen.

Das Ende – Freiheit und Verantwortung

Am Ende wird Kambili eine andere Person sein.

Sie wird alle ihre Bezugspunkte und Bezugsmenschen verloren haben – verlassen von allen Göttern – aber gestärkt durch die neuen wunderschönen Erfahrungen, die sie machen durfte, wird sie erwachsen.

Sie hängt nicht mehr am alten Leben.

Das hat sie abgestreift.

Sie verliert alles, um neu zu beginnen.

Wo und wie genau der Neuanfang weitergehen wird, das lässt Chimamanda Ngozi Adichie offen, auch wenn sich ganz eindeutig ein Land herauskristallisiert.

Kein Wunder, dass es dieses Land ist, hat doch die Autorin dort ihre eigene Entwicklung zur selbständigen und beruflich unabhängigen Frau gemacht.

Titel des Buches – Blauer Hibiskus

Im kleinen Garten der Tante Ifeoma stößt Jaja auf einen besonderen Strauch, einen Hibiskus. Aber es ist kein Roter Hibiskus, sondern ein seltener Violetter Hibiskus! Ifoema ist sehr stolz auf ihn und hütet ihn besonders. Die Blüten des Strauches sind klein und zart und ihre Farbe ausgefallen.

Diese Pflanze, die gehütet und beschützt werden muss, ist Trägerin der Hoffnung, sie ist eine Verbindung zu einem anderen freien Leben.

Und Chimamanda Ngozi Adichie hat sie zur hoffnungsvollen Namensgeberin für das Buch genommen.

Philosophische Frage – wie mit Gewalt umgehen und wie dabei Freiheit erlangen?

Persönlich hat mich das Lesen von Blauer Hibiskus zu der Frage gebracht, ob sich ein Mensch in einem gewalttätigen Umfeld, wie es die Autorin für ihr Ursprungsland Nigeria schildert und in dem gewalttätigen Haus, in dem Kambili aufwächst, wirklich zu einem freien Menschen entwickeln kann?

Diese Frage darfst du dir alle selbst stellen.

Wir alle leben immer in einem Umfeld, in einer Gesellschaftsform, die uns weitgehend vorschreibt, was und wie wir zu leben haben.

HibiskusblüteIn vielen Gesellschaften unserer Erde sind die Vorgaben so hart, dass sie dem Menschen keine Chance lassen, für sich selbst nachzudenken. Sie sind im Überlebensmodus.

So wie Kambili als Tochter nur einen Weg gefunden hatte mit dem autoritären Regime ihres Vaters zurecht zukommen: mit Anpassung und Hörigkeit, die sie als Liebe interpretiert hat. Auch wenn die Zuwendung des Vaters eine gewalttätige ist. Sie kennt keine andere Form der Zuwendung.

Es ist leider bei vielen Menschen, die als Kind gequält wurden, der Fall, dass sie selbst diese Gewalt übernehmen.

So ist der Vater in brutalster Weise von den Missionaren, bei denen er in die Schule gegangen ist, misshandelt worden.

Er gibt exakt die gleichen Misshandlungen an seine Kinder weiter und fühlt dabei auch den eigenen Schmerz. Jede Bestrafung kostet ihn im Laufe des Lebens immer mehr Substanz. Er weint mit und um seine Kinder.

Damit verschränkt die Autorin die äussere Gewalt der Gesellschaft mit der verinnerlichter Gewalt in der Familie.

In unserer Welt herrscht eine unglaubliche Menge an Gewalt:

Gewalt kommt in vielen verschiedenen Formen daher.

Die offensichtlichste ist die offene Gewalt der faschistischen Regimes, wie in den USA oder in Israel.

Die der angezettelten Kriege um wertvolle Ressourcen wie Rohstoffe, seltene Erden, die Millionen Tote hervorbringen und Millionen Menschen in die Flucht schlagen

Die allgemein eher akzeptierte Gewalt in unserer Gesellschaft wie

Armut, die die kapitalistische Gesellschaftsform braucht, um zu überleben

Rassismus, das gut funktionierende Spaltungsinstrument, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen

Sexismus, ein Herrschaftsinstrument, um mehr als die Hälfte der Menschheit einzuschüchtern und zu versklaven

Privatbesitz – in fast allen Verfassungen der Nationen gibt es den festgelegten Anspruch auf Privatbesitz.

Besonders gewalttätig und zerstörerisch ist der, der die Produktion der überlebensnotwendigen Güter fest im Griff hat.

Die Gesellschaftsformen, die keinen Privatbesitz hatten, wie die First Nations und die indigenen Völker, wurden weitgehend ausgerottet und die Überlebenden in Reservaten gesteckt.

Heute sind es Venezuela und Cuba, die viele Industriezweige verstaatlicht haben, die erbarmungslos angegriffen werden und zerstört werden sollen, vor unseren Augen.

Freiheit wird nie freiwillig von den Herrschenden abgegeben, sie kann nur von denen, denen es vorenthalten wird, erkämpft werden.

Der Kampf ist partiell, richtet sich gegen die dringendste Seite der Repression als Erstes.

So wie viele Menschen heute in den besetzten Bundesstaaten der USA sich zusammentun, um ihre Mitmenschen und Nachbarn vor Angriffen der Behörden zu schützen und ihr Leben dabei aufs Spiel setzen,

Oder Menschen, die ihre Solidarität durch verschiedene Mitteln mit Palästina ausdrücken und sich dabei der Gewalt der Regierungen, der Mitläufer:innen und Helfershelfer des offenen Faschismus, aussetzen: Freiheitsentzug, Kriminalisierung, Ausschluss aus öffentlichen Ämtern, zurückgezogene Einladungen zu kulturellen Veranstaltungen, Ächtung, Missinformationen, …

Freiheit Erkämpfen ist eine Entwicklung, die nie aufhört.

Schlussbetrachtung

Hier meine letzte Frage an den Roman von Chimamanda Ngozi Adichie:

Die Freiheit, die Kambili am Ende erreicht, hat sie sie selbst erkämpft?

Ihre Götter sind gefallen, ohne ihr Zutun.

Aber sie hat die Gelegenheit, die ihr ihre Tante geboten hat, indem sie ihr ein anderes Weltbild und eine andere Lebensart vorgelebt hat, erkannt und ergriffen.

Und ich wünsche ihr das Beste auf ihrem weiteren Weg in ein selbstbestimmtes Leben als Frau.

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Verfasst von Christiane „Chris“ Pape

 

 

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