Am Abgrund des Vergessens – Ein Comic/Graphic Novel/eine graphische Novelle

Szenario von Paco Roca und Rodrigo Terrasa

Zeichnungen von Paco Roca

Deutsch von André Höcheimer

Herausgegeben bei REPRODUKT, Juni 2025

Im Original „El Abismo del Olvido“, Astiberri Ediciones, Dezember 2023

Ein Vorwort

Die Geschichten, die Paco Roca und Rodrigo Terrasa durch die Zeichnungen und Worte zum Leben und Nachfühlen erwecken, stoßen direkt ins Herz.

Sie machen dir sicher mehr als einmal die Augen feucht, bringen dich vielleicht sogar zum Weinen. Gleichzeitig zeigen sie dir, wie wichtig es ist, die Aufgaben, die du tief in deinem Herzen trägst, nie aufzugeben. Immer einen Weg zu suchen, sie zu erfüllen und wenn sich dazu eine Möglichkeit bietet, sie ohne Zögern und mit deiner ganzen Kraft, Ausdauer und deinem Mut anzugehen.

Ein gewichtiges Buch

Du hältst ein rechteckiges, großes, schweres Buch in Händen.

Ein Comic in Querformat.

Bei der Dimension und dem Gewicht des Buches erahnst du, dass es sich nicht um ein leichtes Comic handelt. Weder von der Seitenanzahl her, das Buch hat fast 300 Seiten, noch von der Handlung her, die sich entfalten wird.

Ich habe mir sagen lassen, dass sich alle gezeichneten Geschichten Comics nennen, aus der Tradition der ersten Zeichnungen heraus, die in den USA in Zeitungen entstanden sind. Und dass damit auch eher lustige Geschichten, die als Reihe regelmäßig erscheinen, gemeint sind.

Der Begriff Graphic Novel oder graphische Novelle im Deutschen deutet eher darauf hin, dass es sich beim Inhalt des Comics um ein „seriöses“ Thema handelt, das sich als ganze Geschichte entfaltet, mit Anfang und Ende, wie es in einem Roman der Fall ist.

Jedoch die Übergänge sind fließend.

Ich werde hier das Wort graphische Novelle als Bezeichnung benutzen.

Das Thema eignet sich hervorragend für einen Roman.

Es in Zeichenform zu behandeln macht es dir, Leserin und dir, Leser vielleicht leichter, das Thema an dich heranzulassen und dich damit zu beschäftigen.

Gleichzeitig werden die dargestellten Szenen durch die Zeichnungen und die gewählte Farbgebung noch eindringlicher als mit reinen Worten.

Das Cover

Cover Der Abgrund des Vergessens - Gedenken am Friedhof gezeichnetDas Cover bereitet dich darauf vor, dass es sich in dem Buch um ein spezielles Thema handelt, um ein Thema, das dich in vielfältiger Weise berühren wird.

In der Zeichnung, die die ganze Dimension des Querformats ausnutzt, steigen Männer aus einem Grab heraus, einer nach dem anderen.

Der Mann weit vorne im Bild knöpft sein Jackett zu und schaut zu seinem Nachbar, der selbst schon aus dem Grab gestiegen ist und dem nächsten Mann die Hand reicht.

Rechts davon haben sich Männer versammelt, die bereits draußen sind.

Manche setzen sich ihren Hut auf, andere richten sich die Haare oder zupfen ihr Gewand zurecht.

Die Szene spielt sich in einem Friedhof ab. Vorne siehst du ein Kreuz, ein weiteres Grab mit einem Blumenstrauß. Im Hintergrund sind Grabnischen mit Namen, Blumen, einem Kreuz angedeutet.

Ganz links hinter dem vorderen weißhaarigen Mann, der sehr jung wirkt, ist ein gelbes Absperrgitter zu sehen.

Das ist die Einführung in eine Geschichte, die dich in die dunkelsten Kapitel der jüngsten spanischen Zeit bringen wird.

Der Titel

Links unten am Cover ist der Titel platziert.

Am Abgrund des Vergessens

Darunter die beiden Namen der Autoren:

Paco Roca und Rodrigo Terrasa

Paco Roca ist für die Zeichnungen zuständig.

Er ist in Spanien und inzwischen weltweit für seine graphischen Novellen berühmt. Sie erreichen hohe Auflagen und haben bedeutende Preise gewonnen. Sie sind auch auf Deutsch zu lesen. Seine immer wieder kehrenden Themen drehen sich um Erinnerung, Identität und Familie. Dies wird auch hier wieder der Fall sein.

Rodrigo Terrasa ist ein bekannter Journalist. Er ist durch einen Zeitungsartikel auf das Thema der Geschichtsaufarbeitung aufmerksam geworden, hat ihre Dringlichkeit erkannt und nach längeren Nachforschungen die Geschichte gemeinsam mit Paco Roca geschrieben.

Beide stammen aus Valencia. Und die Geschichte, über die du gleich lesen wirst, spielt sich im Dorf Paterna in der Nähe dieser Stadt ab.

Dass das Buch überhaupt zustande gekommen ist, ist der Hartnäckigkeit und den intensiven Recherchen von Rodrigo Terrasa zu verdanken, wie er es dir selbst im Nachwort erzählt.

Der Titel ist gut gewählt: „Am Abgrund des Vergessens“

Denn fast hätte das Vergessen wirklich gewonnen.

Und die Erinnerung wäre in den Abgrund gefallen. So wie es die faschistischen Mörder, ihre Gehilfen und die nachfolgenden Generationen, die selbst noch am Franco-Regime festhalten, es gewollt hatten und heute noch wollen.

Das Leitmotiv

Vergessen ist ein neuerlicher Tod.

Die Erinnerung ist Auferstehung zum Leben.

Das sind die beiden Kontraste, die Widersprüche, zwischen denen sich die immer noch aktuelle politische Geschichte entfaltet.

Die zentralen Themen sind die Exhumierung, Bergung, Identifizierung und schließlich dem Wunsch der Toten und ihrer Familienangehörigen folgend das Begraben der vielen republikanischen Menschen, die von den Faschisten der Franco-Diktatur ermordet wurden.

Um welche Toten handelt es sich – geschichtlicher Hintergrund

Es geht nicht um die Toten des sogenannten „Spanischen Bürgerkrieges“, ein von außen dirigierter Krieg. Die faschistischen Staaten Deutschland, Italien und Portugal haben den zunächst gescheiterten Putsch von Franco und seinen Truppen fleißig unterstützt, Großbritannien hat mit seiner aktiven Blockade gegen die junge spanische Republik geholfen, sie zu ersticken. Die einfachen Menschen wurden den Gräueltaten der Franco-Truppen ausgeliefert.

Es geht in der graphischen Novelle anhand der Geschichte von einigen Personen um die Tausenden republikanisch gesinnten Menschen, die Hunderte Tage nach dem Krieg in „Friedenszeiten“ ermordet wurden. Von großen und kleinen neuen Machthabern, die ihre uneingeschränkte Macht ausgespielt haben, überall im Land, besonders am Land. Viele dieser neuen kleinen Diktatoren waren Nachbarn gewesen, die sich auf die Seite der Falangisten, so wurden die Franco-Anhänger genannt, gestellt hatten.

Die ermordeten Menschen sind in Massengräber geworfen worden.

Diese Toten, die auf Seiten der Republik gestanden haben, durften nicht einzeln begraben werden. Es durfte ihrer nicht gedacht werden. Ihren Familien wurde zur Zeit des Franco-Faschismus verboten die Grabstätte aufzusuchen. Es sollten die republikanischen Menschen ganz vergessen werden.

Die Toten der faschistischen Familien dagegen wurden unter dem Faschismus geehrt.

Es wurden ihnen Denkmäler errichtet, Gedenkfeiern abgehalten, Straßen nach ihnen benannt, u. v. m.

Transicíon

Nach dem Tod von Franco 1975 herrschte die Zeit des Überganges, die „transicíon“, wie sie in Spanien genannt wird. Seit dem Anfang der faschistischen Herrschaft hatte ein „Pacto de Silencio“ geherrscht, das Schweigen und Verschweigen der Opfer des Faschismus. Dieser Pakt wurde noch Jahrzehnte weitergeführt. Der Gesellschaft war es lieber, weiter so zu tun, als hätte es die Gräueltaten nicht gegeben, um alte Wunden nicht aufzuwühlen. Nicht an der Vergangenheit rütteln, hieß es noch lange.

Dieses Schweigen gab den Verantwortlichen für die Vergeltungsmaßnahmen, die sie nach dem Krieg verübt haben, vollkommenen Schutz. Sie wurden nicht zur Rechenschaft gezogen.

Ruhe und Ordnung ist weiterhin oberste Pflicht, auch nach der Wiedereinführung der Demokratie.

Dadurch konnten die Familien der Opfer des Faschismus ihren Lieben keine würdige Bestattung geben. Das wurde ihnen jahrzehntelang verwehrt. Es gibt bis heute reaktionäre Parteien, die mit dem Thema Wahlwerbung machen: Kein Geld für die Exhumierungen der republikanischen Toten!

Immer wieder interessant zu entdecken, womit Parteien Wählerstimmen fangen.

Aktuelle rechtliche Lage

Erst die sozialdemokratische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero hat 2007 den Pakt des Schweigens gebrochen.

Es wurde das Gesetz über die historische Erinnerung erlassen, die „Ley de la Memoria Histórica“, die den Opfern des Bürgerkrieges, die der Gewalt und Verfolgung der Diktatur ausgesetzt waren, Rechte und Mittel gab, sich endlich um ihre Toten zu kümmern.

Es gibt allerdings kein garantiertes Staatsbudget und keinen automatischen Finanzierungsplan, so wie es die UN und viele Organisationen empfehlen.

So hängt die Durchführung des Gesetzes vom Wohlwollen der vorhandenen Regierung ab.

Pepica, die Tochter eines Republikaners

Die 81-jährige Josefa Celda, Pepica genannt, musste sich 2011 beeilen, noch die Genehmigung und Hilfe für die Exhumierung ihres Vaters zu erhalten.

Ein Regierungswechsel stand bevor. Und wirklich hat die konservative Regierung unter Mariano Rajoy, die die sozialistische Regierung abgelöst hat,  alle Mittel für die Exhumierungen der republikanischen Toten gestrichen, so wie es Rajoy im Wahlkampf angekündigt hatte!

Pepicas Mutter hatte zeitlebens den Wunsch geäußert, ihren erschossenen Mann zu finden und ihm ein Grab zu geben.

Nach dem Tod der Mutter hat Pepica diesen Wunsch weiter in ihrem Herzen getragen.

José Celda Beneyto

Der Vater von Pepica, José Celda Beneyto, war ein einfacher Bauer. Er wurde in Friedenszeiten von einem Falangisten, der nach dem Sieg des Faschismus Bürgermeister ihres kleinen Dorfes Paterna geworden war, verhaftet. Ihm wurden absurde Straftaten angehängt. Innerhalb einer „Gerichtsverhandlung“, die nur wenige Minuten andauerte, wurde er zum Tode verurteilt und mit vielen anderen unschuldigen Männern 532 Tage nach dem Ende des Bürgerkrieges erschossen und in ein Massengrab geworfen. So wie an die 100.000 bis 150.000 Tausende „desaparecidos“, den Verschwundenen.

Die erste Geschichte – Pepica macht sich auf ihren Vater zu finden.

Die erste Stimmung

Du machst das Buch auf und es begegnen dir vier schwarze Seiten, die dritte hat den Titel des Buches und die Namen der Autoren in Cremeweiß in der Mitte.

Dann das erste Bild

Ein weißer Rahmen um das ganze Bild.

Ein schwarzes Feld in der linken oberen Hälfte, welches das Schwarz der ersten Seiten wiederholt.

Rechts davon eine Ansammlung abgerundeter Objekte, etwas unregelmäßig oval, in Sepiagrün/Beige und ganz hellem Grün gehalten. Sie werfen etwas Schatten und die nach innen gewölbte Ebene, auf der sie liegen, neigt sich in Richtung schwarzes oberes Feld.

Die Stimmung ist bedrückend.

Da du das Thema des Buches kennst, fragst du dich mit Scheu, ob diese runden Objekte nicht vielleicht Ähnlichkeit mit verwitterten Totenschädel haben.

Die nächste Seite bringt dir Erleichterung – eine kurzfristige.

Du erkennst, dass es sich bei dem ersten Blatt um eine Großaufnahme eines steinigen Bodens gehandelt hat.

In der Zeichnung, die die ganze Seite füllt, ruht eine Eidechse auf dem steinigen Boden, der gleich mehrere Löcher aufweist.

Jetzt werden die Felder der nächsten Zeichnungen kleiner, die Eidechse dreht sich um, um ein leises Geräusch zu lokalisieren. Das Geräusch wird langsam lauter, die Umgebung ändert sich. Ein Feld mit einem Baum, ein wackelig aussehender Stachelzaun, ein nicht fertig gebauter Betonbogen.

Bald verstehst du, woher das regelmäßige Geräusch kommt. Das hat auch die Eidechse erkannt und verschwindet in einem der Löcher im Boden.

Marschierende Soldaten.

Du tauchst gleich auf den ersten Seiten in die schreckliche Vergangenheit ein.

Stilmittel der Zeichnungen

Paco Roca definiert Personen, Landschaften, Gebäude mit klaren schwarzen Linien. Bei der Darstellung der Personen begnügt er sich mit wenigen Details, die dir helfen, sie zu erkennen und im Laufe der Geschichte auch wiederzuerkennen. Der Hintergrund, wenn er nicht perspektivisch gehalten ist, ist meist einfärbig.

A propos Farben

Was mich sehr beeindruckt hat, ist die Auswahl der Farben, mit denen Paco Roca Stimmungen variiert.

Die Vergangenheit ist in fahlen Farben gehalten, ein bisschen so wie verblassende Farben. Auch wenn es regnet, Nacht ist oder Szenen sich in einem Innenraum abspielen, werden die Zeichnungen in einem durchgehenden Grundton gehalten. Für jeden Erzählstrang gibt es einen anderen Grundton, je nachdem was der Inhalt ist.

Die Gegenwart und das, was Leben und Lebendiges darstellt, ist in bunteren kräftigen Farben gezeichnet.

Szenenwechsel

Bevor die Autoren zu neuen Szenen wechseln und dich zB von der Vergangenheit in die Gegenwart führen, blenden sie eine ganze weiße Seite ein. Das ist wie ein gut zu erkennender Schnitt in einem Film.

Es ist sehr hilfreich, um dich im Wechsel der Geschichten, der Zeiten, der Personen, die im Mittelpunkt stehen werden, zurechtzufinden.

Mehrere Geschichten gleichzeitig und parallel

Auf den ersten Seiten der graphischen Novelle erfährst du hauptsächlich über das Schicksal von Pepicas Vater und über den Fortschritt der Ausgrabungen im Friedhof von Paterna. Dazu führen uns Paco Roca und Rodrigo Terrasa in das Team der Archäologinnen und Archäologen ein, die Pepica selbst finden und engagieren musste, da das Gesetz über die historische Erinnerung die Exhumierungen den Privatpersonen überlässt.

So lernen wir das sympathische Paar kennen, das die Kontaktpersonen für Pepica ist. Die Archäologin Elisa ist hochschwanger!

Was für ein schöner Ausblick in die Zukunft inmitten der Beschäftigung mit der düsteren Vergangenheit, der uns hier geschenkt wird.

Nach und nach kommen auch andere Personen ins Spiel.

Besonders eine Person wird zum Mittelpunkt:

Leoncio Badía

Er ist der Mann, der noch unter dem Franco-Regime die spätere Identifizierung einiger der Toten möglich machen wird.

Leoncio war Lehrer, der die junge Republik unterstützt hat. Er hat kostenlos armen Menschen lesen und schreiben beigebracht und sich freiwillig als Soldat gemeldet. Nach dem Kriege landete er wie viele andere Republikaner im Gefängnis. Durch den guten Einspruch eines Priesters, der ihn sehr schätzte, kam er heraus, fand aber lange Zeit keine Arbeit.

An anderer Stelle werden wir erfahren, wie die Kirche, die auf Seiten der Faschisten stand, ihn verraten hat.

Er wurde nicht erschossen.

Dafür hat sich der gleiche Bürgermeister, der verantwortlich war für viele „rote“ Tote in Paterna, etwas sehr Grausames einfallen lassen.

Er solle „seine Leute“ begraben.

So ist er der Totengräber der Hingerichteten geworden.

Er musste die Leichen in Massengräber werfen.

Niemand sollte sich mehr an sie erinnern.

Er aber, der von den Toten umgeben ist, lässt sich etwas einfallen, damit diese Menschen nicht in der Anonymität verschwinden.

Etwas Geniales und Mutiges, das den Frauen und Kindern der Erschossenen Mut und Trost schenken wird. Und schlussendlich nach über 70 Jahren die Identifizierung mancher Leichen ermöglicht.

In diesem Abschnitt des Buches kommen die Frauen zu Wort, die alle das gleiche Schicksal teilen. Ihr Mann, ihr Sohn wurde erschossen. Was machen sie, um ihn zu retten, um ihn noch einmal zu sehen und ihm ein Grab zu schenken?

Dieser Teil ist sehr schwer zu ertragen und ich habe das Buch nur in Etappen lesen können.

Tun und Nie aufgeben

Das ist vielleicht die Hauptbotschaft dieses Buches.

Du kannst immer etwas tun!

Gib nie auf!

Leoncio Badía hat sich mit seinem Mut gegen die Befehle der Faschisten gestellt. Er hat über Jahrzehnte hinweg die Würde der Menschen und ein Stück ihres Lebens gerettet.

Der Journalist Rodrigo Terrasa hat nicht aufgegeben zu recherchieren.

Die Frauen und Kinder, inzwischen Enkelkinder der erschossenen Republikaner haben nie aufgegeben, an sie zu denken und daran zu glauben, dass sie sie in einem der Hunderten Massengräber in Spanien finden und ihnen ein würdiges Grab schenken werden.

Pepica hat es geschafft.

Und viele andere Menschen überall in Spanien haben es auch geschafft.

Meine Freundin Jesú in Mallorca hat sich mit anderen betroffenen Familien in einer Organisation zusammengeschlossen und hat nach jahrelangen Recherchen, ihren Onkel endlich begraben können.

Die Bedeutung des Verabschieden und des Begraben

Das Begraben ist für uns Menschen eine unabdingbare Handlung, damit wir uns von unseren Toten verabschieden.

Es muss ein Ritual geben, um den geliebten Menschen loszulassen.

Paco Roca und Rodrigo Terrasa führen dich dazu in die mythologische Geschichte der Griechen ein, in eines der grausamsten Kriege, die die Griechen geführt haben.

Bei den Griechen durfte ein Toter nicht vergessen werden. Er musste in der Erde begraben werden, sonst würde er ewig auf der Erde weiterwandern und keine Ruhe finden.

Wunderbar, wie hier die Ruhe, die wir, die Überlebenden selbst brauchen, in der Betrachtung umgekehrt wird!

Das Ritual des Begraben und des Begräbnisses gibt uns die Möglichkeit dazu.

Hier im Buch ist in der Auffassung der Toten das Vergessen das Schlimmste.

Das Vergessen ist der Abgrund, in den sie hineinfallen.

Das Thema ist sehr aktuell

In all den Kriegen, die in der Welt geführt werden, sind Millionen Menschen auf der Flucht. Sie mussten ihre Toten zurücklassen, ohne Verabschiedung, ohne Begräbnis.

Wie dieser Vater einer mehrköpfigen Familie in Gaza, dessen Haus bei einem Bombenangriff der israelischen Armee komplett zerstört wurde. Er hat alle seine Lieben verloren. Er hat Tonnen Schutt weggeschaufelt und sucht jetzt mit einem Sieb, das normalerweise für Mehl verwendet wird, in den Trümmern des Hauses die Überreste seiner Familie. Es sind winzig kleine Knochenstücke, die er begraben will.

Und wie wichtig es ist, auch die Körper der Toten als intakte Körper zu begraben, zeigt eine andere grausame Tatsache:

Palästinensische Familien warten, dass ihnen israelische Behörden die Körper der Familienmitglieder zurückgeben, die in der Gefangenschaft der Israelis gestorben sind. Es werden ihnen aber zeitweise nur Körperteile ohne irgendwelche Hinweise auf die Person zurückgebracht. Und die Familien suchen verzweifelt, ob sie vielleicht ein Stück Kleidung, einen Schuh, irgendein Zeichen finden, das ihnen die Identifizierung ermöglicht.

(Den Link zum Artikel findest du am Ende der Besprechung.)

Leoncio, der Totengräber aus „Am Abgrund des Vergessens“ hat genau das Richtige gemacht.

Die Schlusszeichnungen

Viele Leichen konnten nicht eindeutig identifiziert werden.

Viele Tote wurden nicht reklamiert.

Viele haben niemanden, der oder die sich an sie erinnert.

Sie kehren ins Grab zurück, in den Abgrund.

Sie alle kehren ins Schwarz des Anfangsbildes zurück.

Ist das der Schluss?

Nein, nicht ganz!

Auf den beiden letzten Seiten, die ganz ohne Text auskommen, befinden wir uns wieder im Friedhof von Paterna.

Diesmal für eine schöne Zeremonie. Eine Tafel wird angebracht.

Der Name von José Celda Beneyto steht unter dem seiner Frau.

Pepica kommt aus dem Friedhof heraus.

Sie hat den sehnlichsten Wunsch ihrer Mutter und ihren eigenen erfüllt.

Draußen erwartet sie das junge Elternpaar mit dem Neugeborenen.

Pepica streckt ihre Hände aus.

Tod und Leben sind vereint.

Text von Christiane Pape

mit Unterstützung von Brigitta Neubauer

Links zum Nachlesen

Hier findest du „Der Abgrund des Vergessens“ auf Amazon: https://amzn.to/4u8TyIH

Hier kommst du zum spanischen Original: „El abismo del ovido“: https://amzn.to/4elDm1M

Und hier ist die katalanische Ausgabe: „L’abisme de l’oblit“: https://amzn.to/4msLQWW

Hier der erwähnte Link zu Gaza: https://www.dropsitenews.com/p/gaza-palestinians-dead-buried-rubble-searching-bodies-returned-israel?utm_source=substack&publication_id=2510348&post_id=187534618&utm_medium=email&utm_content=share&utm_campaign=email-share&isFreemail=true&r=2pleg4&triedRedirect=true

Link zum Verein der Familien der Opfer des Franquismus des Massengrabes N° 94 von Paterna, auf spanisch https://fosa94paterna.org/

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